Wandmalaktion 1992 zum Thema
“500 Jahre Entdeckung/Eroberung Amerikas”

1492 wurde Amerika entdeckt. Anlass zur Freude und zum Feiern für die Entdecker & für die Europäer. Und für die “Entdeckten”? Die indigenen Völker wurden zu Millionen “dezimiert” durch Gewalt, Versklavung, Krankheiten oder Entzug der Lebensgrundlagen - bis in die heutige Zeit. Daher zu den offiziellen Jubelfeiern ein Zeichen der Solidarität - dargestellt u.a. in den Wandbildern.

 

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1492 - 'Jahr der Entdeckungen' von Eduardo Galeano

Die Ureinwohner/Indigenas (mussten) entdecken, dass sie Inder/Indios sind,
dass sie in Amerika leben, dass sie nackt waren, dass es die Sünde gibt,
dass sie Gehorsam schulden, einem König und einer Königin
in einer anderen Welt, und einem Gott unter einem anderen Himmel,
und dass dieser Gott die Schuld und die Kleider erschaffen hat,
und das Recht hat, diejenigen bei lebendigem Leibe zu verbrennen, die
die Sonne und den Mond und die Erde und den Regen anbeten.

 

Wandbild in der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule

 

Ein aufrührerischer schwarzer Sklave und der Revolutionär Che Guevara sind Elemente des Wandbildes.

 

MINDENER TAGEBLATT, Freitag, 30. Oktober 1992

Kaleidoskop kubanischer Geschichte

Ulises Bretaña gestaltet mit Schülern Wandbild in der Tucholsky-Gesamtschule / Montag Übergabe des Projektergebnisses
Von Dirk Middelschulte

Minden (dim). Vorvorgestern vor 500 Jahren berührte zum ersten Mal europäisches Schuhwerk den Boden der Karibikinsel, die wir heute Kuba nennen. Kein Geringerer als Cristóbal Colón, zu Deutsch Christoph Kolumbus, „entdeckte" damals ein Eiland, das turbulenten Zeiten entgegenblicken sollte.

Mit der wechselhaften Geschichte seiner Heimat setzt sich seit Dienstag der Kubaner Ulises Bretaña in Minder künstlerisch auseinander. Mit Schülern der Kurt-Tucholsky-Gesamtschule entwirft er an einer Wand der dortigen „Schulstraße" ein Kaleidoskop einschneidender historischer Abschnitte des lateinamerikanischen Staates.

„Eigentlich war Ulises Bretaña für das ,Stella'-Wandmal-Projekt vorgesehen. Da er aber nicht rechtzeitig aus Kuba ausreisen konnte, mußte er verzichten", erläuterte Lehrer Stefan Schröer. Ersatzweise übernahm der Kolumbianer Daniel Polido Ortiz die Arbeiten an der Kino-Fassade, und Bretaña widmete sein Können der Gesamtschulaktion. „Daran hätte er auf jeden Fall teilgenommen. Wegen der Ausreise-Probleme konnten wir das Projekt aber erweitern", so Schröer.

Schülerinteressen angepaßt

Dienstag besprach der kubanische Autodidakt aus Pinbar del Rio im Westen der Insel mit interessierten Schülern und Lehrern die Gestaltung der etwa 20 Quadratmeter großen Wand. Mit Blick auf die Interessen und das Verständnis der Schüler verwarf Ulises Bretaña schließlich seine Pläne, die Fläche mit einer ironischen Darstellung der
gesellschaftlichen Zustände in Kuba zu versehen.

Statt dessen entsteht nun eine Aneinanderreihung einzelner Szenen, die die Geschichte Kubas repräsentieren sollen: Auf der linken Seite des Gemäldes sieht man einen von den spanischen Eroberern gefesselten Indio als Symbol der Ausrottung der Ureinwohner. Daneben erkennt der Betrachter einen in einem Zuckerrohrfeld schuftenden Sklaven als Vertreter der von den Europäern mißbrauchten Schwarzafrikaner.

Zentrum des Wandbildes ist die Darstellung eines drohend seine gewaltige Machete hebenden Schwarzen mit einer Trommel als Zeichen seiner kulturellen Identität. Bretaña: „Dabei handelt es sich um ein Bild des Widerstandes von Schwarzen und Kreolen gegen die spanische Herrschaft, der 1868 in einem zehnjährigen Krieg mündete."

Vertreter dieses Jahrhunderts sind der Revolutionär Che Guevara - ein auf Wunsch der Schüler miteinbezogenes Motiv - und ein sowjetischer Soldat , der ein Krokodil führt. Was für ein Zusammenhang besteht zwischen Panzerechsen und Politik? „Das Krokodil ist ein Symbol Kubas. Schon seine längliche Gestalt erinnert an Kubas geographische Form", erläutert Bretaña. „Dieser Teil des Bildes verweist auf die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit Kubas von der UdSSR."

Seit Gorbatschows Perestroika-Politik scheint die Zukunft des ehemaligen Konfliktherdes der Weltmächte in den Sternen zu stehen. „Die Revolution 1959 wurde von fast allen Kubanern befürwortet. Gerade deshalb stehen wir nach dem Niedergang des Sozialismus in Osteuropoa sehr allein da. Es ist aber auch eine Gelegenheit für uns, zu beweisen, was wir sind." Bretañas große Sorge ist zur Zeit das erneute Bestreben der USA, das kleine Land unter der Führung des Kommunisten Fidel Castro wirtschaftlich in die Knie zu zwingen.

Kontroverse Diskussionen

Nicht nur die 12 Schüler, die sich an diesem Projekt beteiligen, sondern auch andere, die in Pausen und bei anderen Gelegenheiten an dem Riesen -Gemälde vorbeikamen, zeigten großes Interesse, sagt Stefan Schröer. „Es gab viele kontroverse Diskussionen unter Schülern und Lehrern." Die Wandmalerei ist ein abschließender Beitrag zu einer Aktion der Gesarntschule anläßlich der 500jährigen Kolonialisierung Amerikas (Montag soll die Übergabe des gemalten Kaleidoskops an die Schule sein).

Für Ulises Bretaña bedeutet sie allerdings erst den Anfang einer Reise durch Europa. Nächste Station seines ersten Aufenthalts außerhalb Kubas wird Düsseldorf sein, wo er ebenfalls an einem Wandmalprojekt teilnimmt. Mit seinen Bildern wolle er „nicht nur erreichen, daß sich die Betrachter dafür interessieren, sondern auch Unruhe und Besorgnis über die Verhältnisse in seinem Land provozieren", so Bretaña. „Wir haben viele Probleme, aber ich liebe mein Land."

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Schülerinnen und Schüler in der Tucholsky-Gesamtschule bei der Arbeit

 

Kurt-Tucholsky-Gesamtschule